60. Todestag

»Er liebte es nicht, den Vorhang zu öffnen«

Gustaf Gründgens in seiner Paraderolle als Mephistopheles Foto: picture alliance/United Archives

Der Theatermacher und Schauspieler Gustaf Gründgens war der Vorzeigekünstler Nazi-Deutschlands. Seine Karriere ging nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fast nahtlos weiter, unter anderem als Intendant an den großen Theatern in Düsseldorf und Hamburg sowie mit zahlreichen Bühnenerfolgen als Regisseur und Schauspieler.

Vor genau 60 Jahren starb Gründgens, in der Nacht zum 7. Oktober 1963 im philippinischen Manila im Alter von 63 Jahren. Bis heute ist unklar, ob er sich selbst tötete oder versehentlich eine Überdosis an Schlafmitteln nahm.

Gründgens wurde am 22. Dezember 1899 in Düsseldorf geboren, wo er auch seine Schulzeit verbrachte und eine kaufmännische Lehre absolvierte. Dort erinnert der Gustaf Gründgens Platz vor dem Schauspielhaus an den ersten Intendanten nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Zudem gibt es eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus.

Andenken Hinter dem Theater steht noch ein großes Gründgens-Denkmal, das zwei Theatervorhänge zeigt, zwischen denen der Kopf von Gründgens zu sehen ist. »Er liebte es nicht, den Vorhang zu öffnen, hinter dem er sich selbst verbarg. Wir wollen nach seinem Tod nicht zudringlicher werden als zu seinen Lebzeiten«, heißt es auf dem Sockel. Ein Großteil seines Nachlasses befindet sich zudem im Theatermuseum seiner Geburtsstadt.

Erste Erfahrungen mit dem Bühnenleben machte Gründgens im Ersten Weltkrieg am Fronttheater Saarlouis. Seine schauspielerische Ausbildung bekam er 1919/1920 bei Louise Dumont und Gustav Lindemann auf der Hochschule für Bühnenkunst in Düsseldorf. Beide hielten ihn für fähig, »das ganze Gebiet kompliziertester Charakterrollen in der klassischen dramatischen Literatur« auszufüllen.

Sein Weg führte ihn über Hamburg nach Berlin zu Max Reinhardt ans Deutsche Theater, wo er auch selbst Regie führte und in Kabarett-Revuen mitwirkte. Vor allem Schurkenrollen, arrogante Snobs oder neurotische Typen musste er spielen. Schon bald hatte der homosexuelle Gründgens, der zwischenzeitlich mit Erika Mann, der ältesten Tochter des Schriftstellers Thomas Mann verheiratet war, von den Vorgaben anderer Regisseure genug und ging 1932 ans Preußische Staatstheater Berlin.

mephisto Seine erste Rolle dort war auch die Rolle seines Lebens: Gut 600 Mal verkörperte er den Mephisto aus Goethes »Faust«. Unvergesslich bleiben das weiß geschminkte Gesicht, die blutroten Lippen und die unmenschlich geraden Augenbrauen.

Gründgens blieb in Deutschland, auch als die Nationalsozialisten ein Jahr später die Macht übernahmen. In Hermann Göring, dem damaligen preußischen Ministerpräsidenten, fand er einen Gönner und Förderer. Der sorgte auch dafür, dass er 1934 Generalintendant des Preußischen Staatstheaters wurde.1936 heiratete Gründgens die beliebte Schauspielerin Marianne Hoppe.

Mit einem Jahreseinkommen von 200.000 Reichsmark war sein Aufstieg im Nazideutschland kometenhaft. Zu seinen Glanzrollen zählte auch die »Hamlet«-Inszenierung von 1936, die bei den NS-Größen für Unmut und Aufregung sorgte. Das Drängen, an NS-Propagandafilmen wie etwa »Jud Süß« mitzuwirken, lehnte Gründgens 1940 trotz traumhafter Gagen ab.

Als Hamlet rief er dem Theaterpublikum unter anderem den Satz entgegen: »Die Zeit ist aus den Fugen.«

Gründgens versteckte jüdische Mitarbeiter, half anderen dabei zu emigrieren. Andere holte er aus dem Gefängnis, wie etwa den Schauspieler Ernst Busch, wo dieser auf sein Todesurteil wartete. Als Generalintendant versuchte Gründgens aus seinem Theater eine Insel im braunen Sumpf zu machen. Die ärgsten Hetzstücke konnte er aus dem Spielplan halten. Vielen bedrohten Mitarbeitern half er, indem er sie in Arbeit hielt oder anderweitig vor Gefängnis und Schlimmerem bewahrte.

Nazi-protegé Dafür wurde er als kultureller Repräsentant des NS-Staates auf Festlichkeiten und Partys herumgereicht. Gründgens selbst hatte einmal über seine Erfolgszeit im Nazi-Deutschland erklärt: »Die Unsicherheit, in der wir alle lebten, ließ uns die Bühne als den einzig sicheren Faktor erscheinen.«

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Gründgens mehrere Monate in einem russischen Kriegsgefangenenlager interniert, doch schon im Mai 1946 spielte er seine erste Rolle im Nachkriegsdeutschland: den Snob im gleichnamigen Stück von Carl Sternheim.

1947 übernahm er in seiner Heimatstadt Düsseldorf die Leitung des Schauspielhauses, das er wieder zu einer der großen Bühnen Deutschlands machte. Einige Jahre war Gründgens auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins.1955 ging er nach Hamburg, um auch dort Triumphe auf der Bühne zu feiern.

Mit seiner Hamburger Faust-Inszenierung war er sogar in New York und Moskau auf den dortigen großen Theaterbühnen zu erleben. Im Sommer 1963 gab er die Intendanz überraschend auf und startete eine Weltreise, von der er nicht mehr lebend zurückkehrte. Begraben ist der große Bühnenmann auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg.

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